Über die Grundlage zurück zum Speed
Tempoarbeit im Wettkampf
Ich hatte das Privileg nach dem Triathlon Portocolom 10 Tage Trainingslager auf Mallorca anhängen zu können. In all den Jahren ein Novum, welches ich sehr zu schätzen wusste. So kam ich das erste Mal auf einen für mich sehr hohen Wochenumfang von ca. 25 Stunden. Wie man das konstant über Wochen hinweg durchziehen kann, ist mir ein Rätsel. Das unterscheidet sich dann trotzdem vom „echten“ Profi.
Nebst dem konstant erhöhten Volumen war einer der Grundsätze für diese finale Saison, mein Wissen als Trainer mit der eigenen Intuition zu verbinden. So standen in den vergangenen zwei Monaten viele längere Radfahrten, vor allem aber auch längere, submaximale Laufeinheiten an. Dadurch ging das hohe Tempo, welches hinsichtlich dem Duathlon und der Challenge Walchsee nicht ganz unwichtig ist, zwischenzeitlich ganz leicht verloren. Dafür legte ich mir jedoch einen ziemlich simplen Schlachtplan zurecht, der lautete: Formkick via Trainingswettkämpfen. Ende Mai sollten die 10km beim Lonzalauf und nur eine Woche später die 11km bei A travers Cugy den nötigen Tempoboost liefern.
10km beim Lonza-Lauf
Am 31. Mai stand also, bei notabene 30 Grad, in Gampel der erste Lauf an. Wenn ich schon für Triathlon Oberwallis starte, ist ein Lauf in meinem Herzenskanton absolute Pflicht. Mit dem Lokalmatadoren Alain Lagger stand zudem ein absoluter Topshot am Start. Ich machte es mir an diesem Tag ziemlich einfach und hängte mich an seine Fersen, gespannt, wie lange ich mitgehen konnte. Mit eher bescheidenen Beinen erhielt ich nach knapp 5km die Antwort und musste Lagger ziehen lassen. Ab diesem Moment war es eine etwas einsame und auch sehr heisse Angelegenheit. Die kontrolliert gelaufenen 32:18 auf dieser unebenen und teils verwinkelten Strecke stimmten mich jedoch extrem positiv.
Bis knapp 5km konnte ich einigermassen mit Alain Lagger mitlaufen. Danach musste ich den Walliser-Express ziehen lassen.
11km, A travers Cugy
Nur eine Woche später kam es in Cugy zu einem Aufeinandertreffen mit dem Freiburger Laufspezialisten Jérémy Schouwey. Am Bösingerlauf im März lieferten wir uns bereits ein sehr hartes Duell, welches mit 9 Sekunden Vorsprung zu meinen Gunsten ausfiel. Die Beine fühlten sich zwar schon bedeutend besser an als noch vor Wochenfrist, trotzdem sah ich mich nicht unbedingt in der Favoritenrolle. Ich spürte gleich nach dem Start, welcher Wind auf den kommenden sehr coupierten 11km wehen würde. Schouwey startete brutal schnell und legte einen horrenden ersten Kilometer hin. Mein Motor brauchte einen Moment, bis er hochgefahren war und so musste ich sehr früh im Rennen bereits ziemlich beissen. Auf den weiteren zwei Kilometern versuchte er aus diesem ohnehin schon hohen Grundtempo immer wieder zu beschleunigen und mich ziemlich offensichtlich mürbe zu laufen. Nachdem ich zweimal die Lücke wieder schliessen konnte, wurde es mir etwas zu bunt und ich ging, ohne zu zögern in den Gegenangriff. Ich glaubte zu spüren, dass ich aufwärts etwas mehr Reserven hatte und testete dies sogleich. Ich hatte mir für heute ohnehin vorgenommen das Limit mehr zu suchen als vor Wochenfrist. Der Abstand, auf den Rang 3 laufenden Matthieu Deillon war gross genug, dass ich bereit war das Risiko einzugehen.
Kurz vor der 4km Marke, beschleunigte ich aus einer Kurve hinaus und stürzte mich in das abfallende Waldstück hinein. Ich spürte, wie die Lücke Meter für Meter aufging und so konnte ich mir den mit CHF 100.- dotierten Zwischensprint bei km6 bereits mal sichern.
Der Vorsprung war ca. ab Rennhälfte immer etwa in diesem Bereich. Für den Kopf nicht ganz einfach. Schlussendlich unterboten wir beide den Streckenrekord deutlich.
Nun sah ich mich jedoch zurückversetzt nach Bösingen: Die Lücke von 20-30m blieb nun bestehen. Ich konnte es mir absolut nicht erlauben auch nur einen Moment durchzuschnaufen, da Schouwey einfach nicht locker liess. Vom Streckenprofil her wusste ich, dass es ab km8.5 nun einen Kilometer ansteigen würde und ich diesen Streckenteil irgendwie überstehen musste. Es war nun ein hin und her: Er versuchte wieder ein paar Meter aufzuholen, welche ich jeweils mit leichten Tempoverschärfungen konterte. Irgendwie gelang es mir den Vorsprung zu verwalten und so rettete ich mich in die finale Downhill-Passage rein auf den letzten Kilometer. Unten auf der Fläche war Schouwey jedoch plötzlich nur noch 10m hinter mir und drohte an mich heranzulaufen. Wie schon im März musste ich extrem auf die Zähne beissen und ging nun all in. Ich hoffte innerlich, dass es ihn nun endlich aufstellen würde. Erst 400m vor dem Ziel hatte ich das Momentum auf meiner Seite und hörte wie die Schritte hinter mir leiser wurden. Ein erneut knapper Sieg und eine meiner besten Laufleistungen wurden mir an diesem Freitagabend beschert.
Spiezathlon – wo stehe ich im Duathlon?
Am 20. Juni, also fast zweieinhalb Monate nach Portocolom, wartete nun der „richtige“ Einstieg in die Multisport-Saison. So gut der Formaufbau bis anhin auch funktionierte, so gross waren die Fragezeichen in der Wettkampfwoche selber. Schwere Beine, schlechtes Körpergefühl und die Frage, ob ich am Wochenende konkurrenzfähig sein kann. Aber die Zahnräder schienen rechtzeitig ineinander hineinzugreifen und so stand ich mit guten Beinen aber auch einer sehr grossen Portion an Nervosität in Spiez am Start. Es war insofern ein sehr spezieller Moment, da ich mir diesen Tag auch als Start für meinen letzten Elite-Duathlon herausgesucht hatte. Die Emotionen übermannten mich dann später tatsächlich noch.
Der Start ins wahrscheinlich letzte Duathlon-Rennen bei der Elite. Nach kurzem Einpendeln drückte ich dann bewusst auf das Tempo.
Vorerst aber galt es aber den Fokus auf das hier und jetzt zu richten. Es war fast die gesamte Schweizer Elite am Start, weshalb ich mich trotz aller Nervosität riesig auf das Rennen freute. Bereits eine Minute nach dem Start glaubte ich zu spüren, dass heute etwas gehen könnte. Das ist eines der Phänomene des Ausdauersports: Wie gut deine Tagesform ist, spürt man oft erst im Rennen selbst.
Auf dem stark ansteigenden ersten Kilometer konnte ich soweit problemlos mitlaufen und übernahm dann ganz oben die Führung, hinunter in Richtung Faulensee. Wir waren zu dem Zeitpunkt nur noch eine 4er-Gruppe, wieder einmal bestehend aus Jens Gossauer, Fabian Zehnder und Andrea Alagona. Niemand machte Anstalten nach vorne zu laufen, weshalb ich nach 2.5km auf dem flachen Teil zurück nach Spiez nun einen Gang hochschaltete, und versuchte die Gruppe zu sprengen. Tatsächlich ging die Lücke auf, jedoch bekam ich aber nicht ganz mit was sich hinter mir tat. Das Laufgefühl war hervorragend: Kontrolliert mit einer kleinen Sicherheitsmarge. Kurz vor der Wechselzone warf ich einen Blick nach hinten und realisierte, dass nur noch Gossauer ein paar Meter hinter mir lief.
In Front liegend vor Gossauer. Wie immer bei Sprintdistanzen entschied ich mich für den normalen Strassenhelm.
Trotz eines kleinen Malheurs mit dem Führungsfahrrad kurz vor dem Eingang in die Wechselzone (die Abzweigung war noch abgesperrt…?) lief soweit alles nach Plan. Ein nahezu perfekter Wechsel und auf ging es in die Steigung die Spiezerbucht hoch. Ich drückte die Steigung mit Wattwerten jenseits von gut und böse hinauf, mit der Absicht, nach hinten den Abstand zu vergrössern. Nicht ganz überraschend blieb Gossauer dran aber zumindest dahinter sah ich niemanden mehr.
Auf der Hauptstrasse in Richtung Thun versuchte ich im gleichen Stil weiterzufahren obwohl ich ziemlich blau war. Trotzdem zog Gossauer an mir vorbei. Bereits im Voraus wusste ich, dass diese Streckenpassage meine Achillesferse sein könnte. Die Lücke ging bis auf ca. 100m auf, aber weiterhin war hinter mir weit und breit keine Spur von den anderen zu sehen.
Bei der zweiten Steigung beim Gwattstutz, sah ich recht früh, dass die Lücke zu Gossauer wieder kleiner wurde und ich teilte die Kräfte so ein, dass ich gerade rechtzeitig beim Flachstück wieder an ihm dran war. Nun konnte ich ein erstes Mal etwas durchschnaufen und kurz die Beine entspannen. Bei der Wendeschlaufe sah ich nun, dass wir unterdessen eine knappe Minute Vorsprung auf die Verfolgergruppe hatten. Ich hätte mich nun stillhalten und auf Taktik machen können, aber dazu war mir der Vorsprung dann doch zu gering. Also ging ich wieder in die Offensive und übernahm bis nach Spiez zurück die Spitze. Die Anfeuerungsrufe meines entgegenkommenden Teamkollegen David Gundi sorgten für einen zusätzlichen Schub. Trotzdem wurde ich meinen Verfolger nicht los.
Am Ende des Wettkampfes und wohl auch am Ende meiner Duathlon-Zeit bei der Elite.
Quasi zeitgleich liefen wir nach der technischen Abfahrt in die Wechselzone ein – die Entscheidung um den Sieg würde also über den zweiten Lauf führen. Im Gegensatz zu früheren Jahren vertraute ich nun zu 100% auf meine aktuelle Laufstärke.
Ich erwischte den etwas schnelleren Wechsel und wurde beim Herauslaufen auf die abschliessenden 5km von meiner Frau und vielen Supportern grossartig angefeuert. Noch war ich mir meiner Sache alles andere als sicher, aber ich beschloss bereits auf dem ersten Kilometer und 50 Höhenmeter auf tutti zu gehen. Irgendwann riskierte ich einen Blick nach hinten und sah zu meiner Erleichterung, dass ich wohl um die 20 Sekunden Vorsprung hatte. Ich verbot es mir innerlich an den Sieg zu denken und so besann ich mich auf das Hier und Jetzt. Aber als ich auch dem Strandweg entlang Gossauer hinter immer noch nicht sehen konnte, realisierte ich, dass ich das Ding nun tatsächlich nach Hause laufen konnte.
Bereits eingangs des Zielbereichs wurde ich von vielen bekannte Gesichtern erwartet und so wurden die letzten Meter des Rennens, notabene die wahrscheinlich letzten Meter eines Duathlons, zu einer unglaublich emotionalen Angelegenheit. Es stellte meinen erst dritten Sieg im Rahmen der Schweozer Duathlonserie dar und fühlte sich daher so oder so speziell an. Dass es jedoch in diesem Feld und beim finalen Rennen so aufging – ich hätte es mir nicht schöner vorstellen können.
Das Podest mit Jens Gossauer und Andrea Alagona.
Auch wenn noch einige mir wichtige Rennen folgen in diesem Jahr, wird der Spiezathlon 2026 ein sehr denkwürdiger Anlass bleiben. Die Frage, wieso ich mit dieser Form aufhören möchte, wurde mir danach vermehrt gestellt. Die Antwort ist sehr simpel: Aufhören, wenn es am schönsten ist und ich selber mit gutem Gewissen sagen kann, dass ich die beste mir mögliche Leistungsfähigkeit erreicht habe.
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